Doch nichts ist ungeheurer als die Armut

Besuch hatte sich angekündigt, eine betagte Dame nebst ihren Männern, die einerseits blind andererseits keine Männer waren. Sie kam um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, einer bankrotten Stadt finanziell unter die Arme zu greifen, um an drei Abenden dem Weikersheimer Publikum unterhaltsame Stunden zu bereiten, indem sie Rache nahm an einer korrupten Stadt und ihrem beliebtesten Bürger.

Sie kam, wie schon zwei Jahre zuvor ein Kaiser namens Romulus, im Auftrage Dürrenmatts. Wieder nahm sich die Theater AG eines seiner Stoffe an, diesmal unter Regie von Wolfgang Schwegler. In unzähligen Stunden der Bearbeitung, Planung und Proben entstand eine Inszenierung, die drei Stars hervorbrachte: Lukas Schäfer als Alfred Ill, Stefanie Wickel als Claire Zachanassian, Wolfgang Schwegler und Andreas Neidhardt als Einheit von Koby und Loby auftretend

Das Bühnenbild verlieh der Groteske einen comichaft theatralischen, distanzierten Spielgrund, der zweieinhalb Stunden lang mit Körpereinsatz, für den einen oder anderen zu narrativ und etwas zu wenig beißendem Humor, aber mit humorigem Ernst bespielt wurde. Denn angesichts einer Welt, in der keiner mehr für etwas verantwortlich zu sein scheint, in der es keine Schuldigen mehr gibt, sondern Taten das Ergebnis kollektiven abwegigen Verhaltens sind und niemand oder alle für diese zur Rechenschaft gezogen werden können, „kommt (uns) nur noch die Komödie bei“ (Dürrenmatt in: Friedrich Dürrenmatt, Theaterprobleme (1954), in: Ders., Gesammelte Werke, Bd. 7: Essays, Gedichte (Diogenes Taschenbuch 22850), Zürich 1996, S. 59.)

In der Zeit der Entstehung des Stückes lag der alles beherrschende Hintergrund im Drama des zweiten Weltkrieges und des Einsatzes der Atombombe. Um eine aktuelle Relevanz festzustellen, braucht man nur die Nachrichten anzuschalten oder aktuelle Zeitungsmeldungen zu verfolgen; Agrarsubventionen welche die heimische Landwirtschaft stärken und zugleich die Landwirtschaft von Entwicklungsländern ruinieren, NSA Abhörskandal, Drohnen Affäre in Deutschland, Lebensmittelskandale über europäische Ländergrenzen hinweg, Justizskandal in Bayern, Flughafendebakel Berlin-Brandenburg, … die Liste ließe sich fortsetzen.

Eine solche im Umsturz begriffene Welt kann von keinem mehr erfasst werden. Und deshalb braucht es einen erfundenen Plott, einen, der diese Absurdität zusammenfasst, gnadenlos überzeichnet und einem das Lachen im Halse stecken bleiben lässt. Dürrenmatts Erfindung wurde vom Regisseur weiter bearbeitet und dem Stück ein weiteres Ende gegeben. Nachdem Dürrenmatts Ill am Ende stirbt, bietet Schweglers Inszenierung eine Alternative. Ill überlebt und das ist die Strafe. Beide Seiten sind täglich gezwungen sich in die Augen zu schauen um darin die Schuld des jeweils anderen erkennen zu müssen.

Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer, als der Mensch, schrieb Sophokles in seiner Antigone. - Ungeheuer ist viel. […] Doch ist nichts ungeheurer als die Armut, parodierte Dürrenmatt gut 2000 Jahre später. Weder die von Claire Zachanassian geforderte Gerechtigkeit, noch die übermenschliche Moral Antigones, noch die Humanität, die die Lehrerin von Güllen heraufbeschwören will, treiben die Bürger an, sondern die Armut. Und Güllen ist überall.

plants